Der Iran-Krieg hat Europa in ein wirtschaftliches Dilemma gestürzt: steigende Preise bei gleichzeitig schwächerem Wachstum. Die EZB spricht von Stagflationsrisiken, die Österreichische Nationalbank warnt vor einem BIP-Stillstand, und die Alarmglocken in den Eurozonen-Umfragen sind so laut wie seit dem Ukraine-Krieg 2022 nicht mehr. Was das für Schweizer KMU bedeutet – und welche Schritte jetzt zählen.
| → KEY TAKEAWAYS
• Stagflation = steigende Preise + schwaches Wachstum gleichzeitig – das schwierigste Szenario für Notenbanken und Unternehmen. • Die EZB hat ihre Inflationsprognose für den Euroraum 2026 auf 2,6 % angehoben und die Wachstumsprognose auf nur noch 0,9 % gesenkt. • Der PMI der Eurozone ist im März auf 50,5 gefallen – gefährlich nahe an der Stagnationsschwelle. Die Stagflationswarnungen sind so stark wie seit dem Ukraine-Krieg 2022 nicht mehr. • Die Österreichische Nationalbank warnt: Bei einem Brent-Preis von 100 USD und Gaspreisen von 70 EUR/MWh droht Österreichs Wirtschaft zu stagnieren – bei einer Inflation von über 4 %. • Die Schweiz ist dank Frankensstärke und tiefer Ausgangsinflation besser geschützt, bleibt aber über Exportmärkte und Energiepreise exponiert. • KMU müssen jetzt Kostenstrukturen analysieren, Liquiditätspuffer aufbauen und Preisstrategien an ein Stagflationsumfeld anpassen. |
01 — Definition & Entstehung
Was ist Stagflation? Definition und wirtschaftliche Einordnung
Stagflation bezeichnet das gleichzeitige Auftreten von wirtschaftlicher Stagnation und anhaltend hoher Inflation. Die Wortschöpfung vereint „Stagnation“ und „Inflation“ – und beschreibt damit eine Konstellation, die lange Zeit als ökonomisch unmöglich galt. Das klassische wirtschaftliche Modell ging davon aus, dass Inflation und Arbeitslosigkeit in einem inversen Verhältnis stehen: Wenn die Wirtschaft wächst, steigen die Preise; wenn sie schrumpft, fallen sie. Stagflation bricht dieses Muster auf.
Im Stagflationsumfeld passiert das wirtschaftlich Schmerzhafteste: Die Lebenshaltungskosten steigen, die Kaufkraft sinkt, Unternehmen verlieren Nachfrage – und gleichzeitig steigen ihre Produktionskosten. Margen werden von zwei Seiten gleichzeitig unter Druck gesetzt.
| ⚠ WARUM STAGFLATION SO SCHWER ZU BEKÄMPFEN IST
Geldpolitik ist in der Stagflation weitgehend wirkungslos oder gar schädlich: Zinssenkungen würden die Inflation weiter anheizen. Zinserhöhungen würden das Wachstum zusätzlich abwürgen. Die Notenbanken stehen damit vor einem klassischen Dilemma: Sie können entweder die Inflation bekämpfen oder das Wachstum stützen – aber nicht beides gleichzeitig. |
02 — Historische Einordnung
Die Stagflation der 1970er-Jahre: Was die Geschichte lehrt
Die bekannteste Episode globaler Stagflation ereignete sich nach dem Ersten Öl-Embargo der OPEC 1973. Als arabische Fördermänder die Ölproduktion drosselten und die USA und Westeuropa boykottierten, schoss der Ölpreis in die Höhe. Die Wirtschaft der westlichen Industrieländer brach ein, die Inflation stieg gleichzeitig auf zweistellige Werte.
In Deutschland erreichte die Inflation 1974 fast 7 Prozent, in den USA über 12 Prozent. Die Arbeitslosigkeit stieg gleichzeitig stark an. Erst durch eine entschlossene Zinspolitik – insbesondere durch die US-Notenbank Fed unter Paul Volcker – wurde die Stagflation in den frühen 1980er-Jahren besiegt. Der Preis war eine schwere Rezession.
Der Unterschied zur heutigen Situation: 2026 gehen die meisten Ökonomen davon aus, dass der aktuelle Schock weniger gravierend sein dürfte als die Krise der 1970er. Europa hat seine Energieabhängigkeit seit dem Ukraine-Krieg 2022 diversifiziert, Flüssiggas (LNG) aus den USA und Katar bietet teilweisen Ersatz. Dennoch: Die Mechanismen sind dieselben.
03 — Aktuelle Lage
Iran-Krieg als Auslöser: Wie die Stagflation zur realen Bedrohung wird
Am 28. Februar 2026 griffen Israel und die USA den Iran an. Die Strasse von Hormus – durch die rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und Flüssigerdgasvolumens transportiert werden – ist seither de facto gesperrt. Die Auswirkungen auf die globalen Energiemärkte waren unmittelbar: Der Brent-Ölpreis stieg von rund 70 USD vor dem Krieg zeitweise auf über 100 USD pro Barrel, die europäischen Gaspreise auf mehr als 50 EUR pro MWh.
„Der vorläufige Eurozonen-PMI schlägt Stagflationsalarm: Der Krieg im Nahen Osten treibt die Preise deutlich nach oben und würgt gleichzeitig das Wachstum ab.“
– Chris Williamson, Chefökonom bei S&P Global Market Intelligence, März 2026
Die EZB reagierte bei ihrer Märzsitzung 2026 mit einer deutlichen Revision ihrer Prognosen: Die Inflation für den Euroraum 2026 wurde von 1,9 auf 2,6 Prozent angehoben, die Wachstumsprognose gleichzeitig von 1,2 auf 0,9 Prozent gesenkt. EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte, der Krieg im Nahen Osten werde „aufgrund der höheren Energiepreise einen materiellen Effekt auf die kurzfristige Inflation haben“. Der Leitzins blieb zunächst bei 2 Prozent – eine Zinserhöhung wird aber vom Markt für das zweite Halbjahr 2026 zunehmend eingepreist.
Besonders alarmierend: Der Eurozonen-Einkaufsmanagerindex (PMI) fiel im März auf 50,5 – gefährlich nahe an der 50-Punkte-Schwelle, die Wachstum von Schrumpfung trennt. J.P.-Morgan-Ökonomin Raphael Brun-Aguerre sprach von einer bereits spürbaren Beschädigung der Nachfragebedingungen und der Produktionsleistung im gesamten Euroraum.
04 — Daten & Fakten
Europa und die Schweiz im Vergleich: Die wichtigsten Zahlen
| 2,6%
EZB-Inflationsprognose Eurozone 2026 |
0,9%
EZB-Wachstumsprognose Eurozone 2026 |
~91$
Ölpreis Brent März 2026 |
0,5%
Inflationsprognose Schweiz 2026 (SNB) |
1,0%
BIP-Wachstum Schweiz 2026 (SECO) |
50,5
Eurozone PMI März 2026 (Wachstumsschwelle: 50) |
Europa: Im Stagflationsumfeld
Die Österreichische Nationalbank (OeNB) hat zwei konkrete Szenarien berechnet: Im Basisszenario steigt Österreichs Inflation 2026 auf 2,7 Prozent, das BIP wächst noch um 0,5 Prozent. Im Eskalationsszenario – mit einem dauerhaften Ölpreis von 100 USD und Gaspreisen von 70 EUR/MWh – könnte Österreichs Wirtschaft 2026 stagnieren, bei einer Inflation von knapp über 4 Prozent. Das ist klassische Stagflation.
Für Deutschland zeigt das ifo-Institut ähnliche Muster: Im Deeskalationsszenario wächst das BIP 2026 um 0,8 Prozent. Im Eskalationsszenario, mit EZB-Leitzinserhöhungen um 50 Basispunkte in der zweiten Jahreshälfte, summieren sich die konjunkturellen Bremseffekte in diesem und dem kommenden Jahr auf 0,8 Prozentpunkte gegenüber dem Vorkriegsszenario.
Schweiz: Besser geschützt, aber nicht immun
Für die Schweiz prognostiziert die SNB eine Inflation von 0,5 Prozent im Jahresdurchschnitt 2026 – weit unter der europäischen Teuerung. Das SECO erwartet ein BIP-Wachstum von rund 1,0 Prozent. Beide Zahlen gelten als unterdurchschnittlich, aber nicht kritisch. Die Schweiz profitiert von drei Puffern: dem starken Franken, der die importierte Energie-Inflation dämpft; dem historisch tiefen Ausgangsniveau der Inflation; und der unabhängigen SNB-Geldpolitik.
Dennoch: Die Migros-Bank-Ökonomen halten fest, dass die Blockade der Strasse von Hormus zu steigenden Zinsen führt, weil die Finanzmärkte auf das erhöhte Stagflationsrisiko reagieren. Langfristige Hypothekarzinsen sind bereits gestiegen. Und die Schweizer Exportwirtschaft ist stark in europäische Lieferketten eingebunden – ein schwächerer Euroraum schadet direkt.
05 — Szenarien & Prognosen
Was in 3, 6 und 12 Monaten zu erwarten ist
Die wirtschaftliche Entwicklung hängt entscheidend vom Verlauf des Iran-Konflikts ab. Führende Forschungsinstitute rechnen mit drei möglichen Pfaden.
| Szenario | Annahme | Ölpreis | EZB Inflation | CH Inflation | CH BIP |
|---|---|---|---|---|---|
| Deeskalation | Konflikt endet in Wochen, Hormus wieder frei, Energiepreise normalisieren sich | 65–75 USD | ~2,0 % | 0,3 % | 1,0 % |
| Moderat | Konflikt dauert 3–6 Monate, Ölpreis erhöht, begrenzte Lieferkettenstörungen | 90–105 USD | 2,6–3,0 % | 0,5–0,8 % | 0,7–1,0 % |
| Eskalation | Längerer Krieg, Saudi-Arabien involviert, strukturell höhere Energiepreise | 130–150+ USD | 3,0–4,0 % | 1,0–2,0 % | 0,0–0,5 % |
3 Monate: Energiepreisschock und Vertrauensverlust
Kurzfristig dominieren steigende Energiekosten und ein spürbarer Rückgang des Unternehmens- und Konsumentenvertrauens. Die Europäische Kommission meldete im März 2026 einen starken Einbruch des Konsumentenvertrauens – ein frühindikator für rückläufige Ausgaben. Lieferketten werden unter Druck gesetzt, Vorleistungskosten steigen. Für KMU sind höhere Energiekosten und erste Lieferverzögerungen die unmittelbaren Folgen.
6 Monate: Margenengpass und Nachfragerückgang
Mittelfristig trifft steigende Inflation auf sinkende Kaufkraft. Haushalte, die mehr für Energie und Nahrungsmittel ausgeben, kürzen andere Ausgaben. Unternehmen, die Kostensteigerungen nicht vollständig weitergeben können, leiden unter Margendruck. Exportorientierte KMU treffen auf schwierigere Absatzmärkte in der Eurozone. Die EZB könnte – bei anhaltend hoher Inflation – die Zinsen erhöhen, was Kreditkosten und Hypotheken verteuert.
12 Monate: Normalisierung oder strukturelle Verschiebung
Im Deeskalationsszenario dürften Energiepreise und Inflation bis Ende 2026 zurückgehen. Die SNB sieht die Schweizer Inflation 2027 weiterhin bei 0,5 bis 0,6 Prozent. Im Eskalationsszenario könnten sich höhere Energiepreise strukturell festigen – mit dauerhaften Folgen für Kostenniveaus, Investitionsplanung und Preisgefüge.
06 — Auswirkungen auf Schweizer KMU
Konkrete Auswirkungen der Stagflation auf KMU
Doppelter Margendruck
Stagflation trifft KMU von zwei Seiten gleichzeitig: Die Betriebskosten steigen (Energie, Transport, Vorprodukte), während die Nachfrage zurückgeht (weil Kunden weniger kaufen). Das Ergebnis ist ein Margenengpass, der ohne aktive Gegenmassnahmen die Rentabilität erodiert.
Energiekosten als unmittelbarster Hebel
Heizöl, Strom, Treibstoff und industrielle Gase sind direkt von steigenden Rohstoffpreisen betroffen. Betriebe ohne langfristige Energieverträge sind sofort exponiert. Branchen mit hohem Energieeinsatz – Produktion, Logistik, Gastronomie – spüren die Auswirkungen am stärksten.
Lieferketten unter Druck
Die Sperrung der Strasse von Hormus betrifft nicht nur Öl, sondern alle Frachtrouten, die über den Persischen Golf laufen. Längere Umwege über das Kärvorgebirge, Engpässe bei Schiffskapazitäten und gestiegene Frachtkosten erhöhen die Beschaffungskosten für importierte Vorprodukte. Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser betont, dass auch Unternehmen, die Lager aufgebaut und Lieferanten diversifiziert haben, nur vier Wochen gut abfedern können – und die Strasse von Hormus ist seit gut einem Monat nicht befahrbar.
Nachfragerisiken im Inland und Export
Sinkende Kaufkraft der Konsumenten trägt zur Rückhaltung beim Konsum bei – für konsumnahe KMU ein direktes Risiko. Gleichzeitig leiden exportorientierte Betriebe unter der schwächeren Konjunktur im Euroraum, ihrem grössten Absatzmarkt.
Steigende Finanzierungskosten
Die Markterwartung von EZB-Leitzinserhöhungen in der zweiten Jahreshälfte 2026 hat bereits jetzt die langfristigen Zinsen nach oben getrieben. Langfristige Hypotheken und Investitionskredite verteuern sich. Die Migros-Bank-Ökonomen sprechen von steigenden Zinsen als direkter Folge der Stagflationsrisiken. Für KMU, die Investitionen fremdfinanzieren, erhöht das die Kapitalkosten.
Psychologische Wirkung auf Investitionsentscheide
Unsicherheit lähmt Investitionen. Wenn Unternehmen nicht wissen, wie lange der Konflikt dauert, wie hoch die Energiepreise bleiben und wie sich die Nachfrage entwickelt, verschieben sie Investitionsvorhaben. Das ist rational – kann aber kollektiv die wirtschaftliche Erholung verzögern.
07 — Handlungsempfehlungen
Was Unternehmer jetzt tun können – konkret und priorisiert
Die folgenden Massnahmen sind neutral und produkt-unabhängig formuliert. Sie orientieren sich an den spezifischen Herausforderungen eines Stagflationsumfelds.
Sofortmassnahmen (0–3 Monate)
- Energiekosten-Audit: Welche Kosten entfallen auf Energie? Besteht ein Fixpreisvertrag, läuft er aus? Jetzt erneuern oder verhandeln, bevor die Preise weiter steigen.
- Liquiditätsreserve prüfen: Stagflation erhöht den Umlaufkapitalbedarf. Kreditlimiten rechtzeitig erhöhen – bevor Engpässe auftreten.
- Lieferketten kartieren: Welche Vorprodukte kommen aus oder über den Nahen Osten? Alternative Lieferanten identifizieren und kontaktieren.
- Lageraufbau bei kritischen Gütern: Wo möglich und wirtschaftlich sinnvoll, Pufferlager anlegen – Verzögerungen können noch Monate anhalten.
- Kostentransparenz herstellen: Welche Kosten sind fix, welche variabel? Wo kann kurzfristig gespart werden, ohne die Substanz zu schädigen?
Mittelfristige Massnahmen (3–6 Monate)
- Preisstrategie anpassen: In einem Stagflationsumfeld ist die Weitergabe von Kostensteigerungen notwendig, aber heikel. Transparente, begründete Preisanpassungen erhalten die Kundenbindung besser als stille Änderungen.
- Kosten variabilisieren: Langfristige Fixkosten reduzieren, wo möglich. Flexible Beschaffungsverträge, variable Gehaltsmodelle, skalierbare Produktionskapazitäten schützen bei Nachfragerückgängen.
- Währungsrisiken absichern: Exportorientierte KMU prüfen Devisentermingeschäfte. Der starke Franken ist ein Vorteil beim Import, aber ein Handicap im Export.
- Finanzierungsstruktur überprüfen: Steigende langfristige Zinsen machen variable Kredite riskanter. Fixzinsbindungen für Investitionskredite prüfen.
Strategische Massnahmen (6–12 Monate)
- Szenarioplanung institutionalisieren: Budget und Mittelfristplanung mit Deeskalations- und Eskalationsszenario aufstellen. Keine Planung auf Basis eines einzigen Basisfalls.
- Energieeffizienz investieren: Massnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs zahlen sich in einem Umfeld dauerhaft höherer Energiepreise schnell zurück.
- Geschäftsmodell auf Resilienz prüfen: Welche Produkte, Kunden und Märkte sind stagflationsresistent? Wo liegt die eigene Preissetzungsmacht?
- Investitionsentscheide priorisieren: Nur Investitionen mit klarer Rendite und kurzer Amortisation vorantreiben. Nicht-kritische Projekte verschieben.
08 — Experteneinschätzungen
Was Ökonomen und Notenbanker erwarten
„Die EZB muss jetzt ruhig reagieren und die neuesten Daten abwarten. Eine überhastete Zinserhöhung würde das Wachstum unnötig abwürgen.“
– Friedrich Heinemann, Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), März 2026
„Auch bei längerfristig hohen Energiepreisen wäre es für die EZB schwierig, die Geldpolitik zu straffen. Denn in diesem Szenario würde das Wirtschaftswachstum in der Eurozone möglicherweise zwischenzeitlich zum Erliegen kommen.“
– Felix Schmidt, leitender Volkswirt Berenberg Bank, März 2026
Die OeNB-Ökonomen halten fest, dass ein Ölpreis von dauerhaft 100 USD und Gaspreise von 70 EUR/MWh Österreichs Wirtschaft in eine klassische Stagflation stürzen könnten. Für die Schweiz ist die Ausgangslage besser: Die SNB belässt den Leitzins bei 0 Prozent und hat ihre Bereitschaft zur Devisenmarktintervention erhöht, um eine übermässige Frankenaufwertung zu verhindern. Raiffeisen-Chefökonom Fredy Hasenmaile betont, der Binnenmarkt bleibe eine verlässliche Wachstumsstütze.
09 — Ausblick & Prognose
Wie sich die Lage weiterentwickeln könnte
Kurzfristig (bis Mitte 2026)
Energiepreise und Inflation bleiben die dominierenden Themen. Die EZB hält den Leitzins zunächst bei 2 Prozent, könnte aber im zweiten Halbjahr erhöhen, wenn die Inflation nicht nachlässt. Goldman Sachs erwartet EZB-Zinserhöhungen nur im schlechtesten Fall, wenn die Inflation bis Ende 2026 um 3,6 Prozentpunkte steigt. Die Stagflationsgefahr bleibt akut, solange die Strasse von Hormus nicht wieder frei passierbar ist.
Mittelfristig (2. Halbjahr 2026)
Entscheidend ist der geopolitische Verlauf. Trump hat Waffenstillstandsgerüchte gestreut, der Iran hat diese dementiert. Europäische Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat Verhandlungen gefordert. Die Energiemärkte reagieren extrem sensibel auf jede Entwicklung – der Ölpreis fiel nach den Gerüchten um 11 Prozent, stieg nach dem Dementi wieder. Unternehmen müssen für beide Szenarien vorbereitet sein.
Langfristig (ab 2027)
Im Deeskalationsszenario prognostiziert die SNB für 2027 eine Schweizer Inflation von 0,5 Prozent und ein BIP-Wachstum von 1,7 Prozent. Das SECO erwartet eine allmähliche Erholung des europäischen Auslands, was auch die Schweizer Exportwirtschaft stützen würde. Im Eskalationsszenario könnten strukturell höhere Energiepreise und eine restriktivere EZB-Politik die Erholung erheblich verzögern.
Unternehmen, die Stagflation als dauerhaften Möglichkeitsraum in ihrer Strategie berücksichtigen – nicht als einmalige Störung – sind langfristig besser positioniert.
10 — Häufige Fragen (FAQ)
FAQ: Stagflation und KMU
Was ist der Unterschied zwischen Inflation und Stagflation?
Inflation bezeichnet steigende Preise, die oft mit Wirtschaftswachstum einhergehen. Stagflation kombiniert hohe Inflation mit wirtschaftlicher Stagnation oder Rezession. Das macht sie so gefährlich: Die Kaufkraft sinkt, während Unternehmen gleichzeitig weniger Nachfrage verzeichnen.
Ist die Schweiz von Stagflation betroffen?
Direkt weniger als die Eurozone: Die Schweizer Inflation liegt bei 0,1 bis 0,5 Prozent, das Wachstum bei rund 1,0 Prozent. Dank Frankensstärke und unabhängiger SNB-Geldpolitik ist die Schweiz besser geschützt. Indirekt bleibt die Exposition über Energiepreise und Exportmärkte relevant.
Was macht Stagflation für Notenbanken so schwierig?
Notenbanken haben zwei Hauptwerkzeuge: Zinserhöhungen gegen Inflation und Zinssenkungen für Wachstum. In der Stagflation verschlimmern beide Instrumente jeweils die andere Hälfte des Problems. Es gibt keine einfache geldpolitische Lösung.
Wie lange könnte die Stagflationsgefahr anhalten?
Das hängt vom geopolitischen Verlauf des Iran-Kriegs ab. Im Deeskalationsszenario dürften Energiepreise bis Mitte 2026 zurückgehen. Im Eskalationsszenario könnten erhöhte Energiepreise und Stagflationsrisiken bis in das Jahr 2027 anhalten.
Wird die EZB die Zinsen erhöhen?
Derzeit hält die EZB den Leitzins bei 2 Prozent. Der Markt preist für das zweite Halbjahr 2026 eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung ein. Goldman Sachs erwartet eine Erhöhung nur im Extremszenario. Eine Überhastung wäre wirtschaftlich kontraproduktiv.
Was bedeutet Stagflation konkret für meine Margen?
Steigende Kosten (Energie, Vorprodukte, Transport) erhöhen die Aufwandseite. Sinkende Kaufkraft der Kunden drückt die Nachfrage und bremst Preiserhöhungsmöglichkeiten. Die Marge wird von zwei Seiten gleichzeitig unter Druck gesetzt – der klassische Stagflations-Margenengpass.
Welche Branchen sind in der Schweiz am stärksten gefährdet?
Besonders exponiert: energieintensive Produktionsbetriebe, Logistik und Transport, konsumnahe Dienstleistungen (Händler, Gastronomie), exportorientierte Industriebetriebe mit starkem Euroraum-Geschäft. Weniger exponiert: inlandsorientierte Dienstleister mit geringem Energieanteil.
Unterscheidet sich die Situation 2026 von der Stagflation der 1970er?
Ja, es gibt wichtige Unterschiede. Europa hat seine Energieversorgung seit 2022 diversifiziert, LNG aus den USA und Katar reduziert die Abhängigkeit. Die Ausgangsinflation war 2026 tiefer als 1973. Und die Notenbanken haben mehr Erfahrung mit Stagflationsszenarien. Dennoch sind die Grundmechanismen dieselben.
Hinweis zur Aktualität: Dieser Artikel basiert auf öffentlich verfügbaren Quellen und Prognosen per Ende März 2026, darunter SNB, SECO, EZB, ifo-Institut, OeNB, Raiffeisen Schweiz und Migros Bank. Geopolitische Entwicklungen können sich rasch verändern. Die Inhalte dienen zur Information und sind keine Anlage- oder Unternehmensberatung.

