Humanoide Roboter: Wenn Maschinen denken, sehen und lernen

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Thomas Kirschstein von Roland Berger spricht über humanoide Roboter

Humanoide Roboter stehen vor dem Sprung in die industrielle Realität. Eine neue Studie von Roland Berger zeigt: Die Technologie könnte schon Anfang der 2030er-Jahre zu Betriebskosten von rund zwei US-Dollar pro Stunde verfügbar sein. Thomas Kirschstein, Partner bei Roland Berger, erklärt, was das für Unternehmen, Arbeitsmärkte und Europa bedeutet.

Lange galten humanoide Roboter als Science-Fiction. Heute sind sie das heisseste Investitionsthema der Technologiebranche. Laut der aktuellen Roland Berger Studie steht die Branche vor einem entscheidenden Wendepunkt: Die Kombination aus leistungsfähiger KI und reifender Robotik-Hardware macht humanoide Systeme erstmals wirtschaftlich einsetzbar. Bis 2035 könnte der Umsatz der Robotik-Hersteller auf 300 Milliarden US-Dollar anwachsen, in optimistischen Szenarien sogar auf 750 Milliarden. Langfristig sieht Roland Berger ein Marktpotenzial von bis zu vier Billionen US-Dollar, vergleichbar mit der heutigen Automobilindustrie.

Zwei Dollar pro Stunde: Mehr als ein Versprechen

Der vielleicht auffälligste Befund der Studie ist die Prognose zu den Betriebskosten. Kirschstein hält das Szenario für realistisch: «Voraussetzung sind Skaleneffekte bei der weltweiten Industrialisierung der Hardware-Plattformen. Die Rechnung basiert auf einem Anschaffungspreis von 20’000 bis 30’000 US-Dollar für einen voll funktionsfähigen, menschengrossen Roboter mit starker lokaler KI.»

Der entscheidende Unterschied zu bisherigen Automatisierungslösungen liegt in der Flexibilität. Während klassische Industrieroboter aufwendig programmiert werden müssen, bringt ein humanoider Roboter dank moderner KI-Systeme eine hohe Basisintelligenz mit. Er kann sehen, verstehen und lernen. «In wenigen Stunden ist er auf eine neue Aufgabe trainiert», so Kirschstein.

Breites Anwendungsfeld von der Fabrik bis zum Haushalt

Wo werden humanoide Roboter zuerst zum Einsatz kommen? Kirschstein zeichnet ein breites Bild: «Kurzfristig profitieren Fertigung und Logistik, bei Handling, Montage und Maschinenbeschickung.» Auch der private Haushalt gilt als grosser Wachstumsmarkt, gerade in kaufkräftigen Ländern wie der Schweiz. Im zweiten Schritt sollen Pflege, Krankenhäuser und Gastronomie folgen.

«Humanoide Roboter adressieren nicht eine einzelne Nische, sondern eine Vielzahl von Einsatzfeldern über Industrie, Haushalt und Service hinweg», betont Kirschstein.

Europa im Rückstand: Investitionen und Ökosysteme fehlen

Trotz des Potenzials steht Europa vor einer ernsthaften Herausforderung. Während Nordamerika 3,8 Milliarden und China 4,1 Milliarden US-Dollar in humanoide Robotik investiert haben, kommt Europa gerade einmal auf 0,8 Milliarden. Kirschstein nennt drei Hebel: mehr industrielle Pilotprojekte, besseren Zugang zu Wachstumskapital und innovationsfreundliche Regulierung.

«Ohne realen Einsatz lernt die Technologie nicht», sagt er. «Auch die Unternehmen selbst sind gefragt: Wer sich jetzt an Pilotprojekten beteiligt, sichert sich einen Erfahrungsvorsprung.»

Fachkräftemangel als Treiber und als Chance

«Kurzfristig übernehmen humanoide Roboter repetitive Logistik- und Handling-Tätigkeiten, für die sich oft keine Arbeitskräfte mehr finden lassen», sagt Kirschstein. Gleichzeitig warnt er vor vereinfachten Schlussfolgerungen. Die langfristigen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt lassen sich heute noch nicht abschliessend beurteilen. Neue Berufsbilder in Integration, Training und Wartung werden entstehen.

Regulierung: Europa hinkt hinterher

Bestehende Sicherheitsstandards wurden für klassische, eingezäunte Automation entwickelt, nicht für frei agierende, KI-gesteuerte Humanoide. «In den USA und China gibt es bereits konkrete Ansätze für neue Standards. Europa hängt hier noch hinterher», sagt Kirschstein. Erste branchenspezifische Regelwerke erwartet er frühestens Ende des Jahrzehnts.

«Unternehmen, die jetzt Pilotprojekte starten oder sich an der Standardentwicklung beteiligen, gestalten die Regeln aktiv mit.»

Schweizer Stärken als Ausgangspunkt

Für die Schweiz sieht Kirschstein besondere Chancen. «Gut positioniert sind nicht nur Robotik-Startups, sondern auch Zulieferer aus Maschinenbau, Automotive und Halbleitern.» Die Schweiz verfüge über spezifische Stärken: eine weltweit führende Sensorik- und Elektronikindustrie, Präzisionsfertigung auf höchstem Niveau und eine exzellente Forschungslandschaft.

KMU: Jetzt handeln, nicht abwarten

Kirschstein gibt eine klare Empfehlung: «Wir empfehlen Unternehmen, für die humanoide Roboter in der Produktion Sinn machen, schon heute Partnerschaften mit Robotik-Entwicklern aufzubauen und erste Tests zu starten.» Die Hürden seien derzeit nicht die Kosten, sondern die noch begrenzten Fähigkeiten der Systeme. Leasing- und Robot-as-a-Service-Modelle werden den Einstieg erleichtern.

Eine Disruption, die schneller kommt als erwartet

«Physische und digitale KI wachsen zusammen und greifen erstmals auch in die reale, körperliche Arbeitswelt ein. Das sind keine zwei getrennten Entwicklungen, es ist ein integrierter Veränderungsschub», sagt Kirschstein.

Sein Fazit: «Allein in den nächsten fünf Jahren wird dieser integrierte KI-Schub die Arbeitswelt stärker verändern als die Digitalisierung der letzten zwanzig Jahre. Die Veränderung kommt schneller, als viele erwarten. Wir stehen vor einer riesigen Disruption.»

Ausblick

Die Roland Berger Studie zeigt: Humanoide Roboter sind kein Zukunftsprojekt mehr, sondern ein strategisches Thema für Unternehmen jeder Grösse. Wer jetzt die Grundlagen legt, durch Pilotprojekte, Partnerschaften und gezielte Investitionen, wird in wenigen Jahren einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil haben.

Häufig gestellte Fragen

Ab wann sind humanoide Roboter wirtschaftlich einsetzbar?

Roland Berger rechnet ab Anfang der 2030er-Jahre mit Betriebskosten von rund zwei US-Dollar pro Stunde. Voraussetzung sind Skaleneffekte bei der weltweiten Industrialisierung der Hardware sowie Fortschritte bei KI-Systemen, die das Training auf neue Aufgaben innerhalb weniger Stunden ermöglichen.

Welche Branchen profitieren als erste?

Kurzfristig sind Fertigung und Logistik die wichtigsten Anwendungsfelder, gefolgt von privaten Haushalten in kaufkräftigen Ländern. Im zweiten Schritt folgen Pflege, Krankenhäuser und Gastronomie.

Was sollten KMU jetzt tun?

Kirschstein empfiehlt, schon heute Partnerschaften mit Robotik-Entwicklern aufzubauen und erste Tests zu starten. Die Hürden seien nicht die Kosten, sondern die noch begrenzten Systemfähigkeiten. Leasing- und Robot-as-a-Service-Modelle werden den Einstieg erleichtern.

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