Im ersten Quartal 2026 ist bereits jeder vierte neu zugelassene schwere Lastwagen in der Schweiz elektrisch. Die Zahlen von auto-schweiz belegen einen bemerkenswerten Durchbruch. Frank Keidel, Mediensprecher von auto-schweiz, erklärt, was diesen Erfolg ermöglicht hat und wo die nächsten Herausforderungen liegen.
Die Schweiz hat in der Elektrifizierung des Schwerverkehrs europaweit eine Vorreiterrolle eingenommen. Im ersten Quartal 2026 wurden 1’073 schwere Nutzfahrzeuge über 3,5 Tonnen zugelassen, davon 26,8 Prozent mit rein elektrischem Antrieb. Bei schweren Lastwagen über 16 Tonnen liegt der Elektroanteil bei 25,1 Prozent. Diese Zahlen sind kein Zufall, sondern das Ergebnis einer gezielten Förderpolitik und günstiger Rahmenbedingungen.
Der Gesamtmarkt für Nutzfahrzeuge wuchs im ersten Quartal 2026 um 6,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Von Januar bis März wurden 9’406 leichte und schwere Sachen- sowie Personentransportfahrzeuge in Verkehr gesetzt. Während schwere Nutzfahrzeuge um 15,6 Prozent zulegten, wuchsen leichte Nutzfahrzeuge lediglich um 4,3 Prozent.
Der Schlüssel: Planungssicherheit durch LSVA-Befreiung
Was steckt hinter dem Durchbruch? Frank Keidel nennt zwei entscheidende Faktoren: ein breiteres Fahrzeugangebot und die Befreiung der Elektro-Lastwagen von der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA). «Der Bund hat im Jahr 2023 bestätigt, dass emissionsfreie Lastwagen bis 2031 von der LSVA befreit bleiben. Dieser Entscheid gab der Branche Planungs- und Investitionssicherheit», erklärt Keidel.
«Die Transportbranche ist ein niedrigpreisiges Geschäft. Niemand kauft einen E-Truck weil er schön aussieht. Es muss sich auch rechnen», sagt Keidel. Der Hochlauf sei ein gelungenes Beispiel dafür, wie klug gesetzte Rahmenbedingungen Wirkung zeigten bei der Transformation.
Die Schweiz im europäischen Vergleich
Mit einem Elektroanteil von über 25 Prozent bei schweren Nutzfahrzeugen steht die Schweiz in Europa ohne Vergleich. In Deutschland, dem grössten Nutzfahrzeugmarkt Europas, liegt der Elektroanteil bei schweren Lastwagen noch deutlich tiefer. Der Unterschied lässt sich direkt auf die unterschiedlichen Fördersysteme zurückführen.
Keidel fasst zusammen, was andere Länder vom Schweizer Modell lernen können: «Wenn E-Lastwagen im Betrieb planbar günstiger werden und die Nachfrage nach klimafreundlicher Logistik vorhanden ist, bewegt sich der Markt schnell.» Gleichzeitig zeige die Schweiz, dass Regulierung allein nicht reiche: «Es braucht Infrastruktur und verlässliche Rahmenbedingungen, statt Hin und Her.»
Was passiert, wenn das Fördersystem wegfällt?
Der aktuelle Erfolg hängt stark von stabilen Rahmenbedingungen ab. Keidel warnt: «Wenn die LSVA-Befreiung oder vergleichbare Entlastungen unsicher werden, verschieben Transportunternehmen Anschaffungen.» Ein Rückschlag wäre bedauerlich, da die Schweiz derzeit den grössten Anteil an elektrischen Nutzfahrzeugen in ganz Europa hat.
Zu den Anschaffungskosten kommt die Investition in die eigene Ladeinfrastruktur hinzu. Wer auf Elektro umstellt, braucht nicht nur neue Fahrzeuge, sondern auch Ladepunkte im Depot, ausreichend Netzkapazität und klare Prozesse für den Ladeablauf.
Leichte Nutzfahrzeuge: Langsamer Fortschritt
Während der Schwerverkehr boomt, verläuft die Elektrifizierung bei leichten Nutzfahrzeugen bis 3,5 Tonnen deutlich gemächlicher. Der Anteil rein elektrischer Antriebe liegt 2026 bei 12,2 Prozent, Plug-in-Hybride kommen auf 3,1 Prozent. «Bei Lieferwagen zählen Alltagstauglichkeit, Reichweite, Ladezeit, Preis und Nutzlast besonders stark. Elektrische Modelle sind bei der Nutzlast wegen der schweren Antriebsbatterie im Nachteil», erklärt Keidel.

Die Bourgeois-Fahrzeuge als Lösung
Eine mögliche Antwort auf dieses Problem sind die sogenannten Bourgeois-Fahrzeuge. Ihr Name geht auf einen politischen Vorstoss von Alt-Nationalrat Jacques Bourgeois zurück, der den Bundesrat 2018 aufforderte, das zulässige Gesamtgewicht von Elektro-Lieferwagen von 3,5 auf 4,25 Tonnen zu erhöhen. Die Regelung trat 2022 in Kraft. Für diese Fahrzeuge reicht der Führerschein der Kategorie B aus.
Dennoch stagnieren Bourgeois-Fahrzeuge bei rund fünf Prozent der Neuzulassungen. «Besonders schwer wiegt der Tachograph mit der Arbeits- und Ruhezeitregelung», sagt Keidel. «Wir rechnen damit, dass der Bundesrat im Verlauf des Jahres 2026 die Nachteile der Bourgeois-Fahrzeuge beseitigen wird.»
Ladeinfrastruktur: Handlungsbedarf in den Städten
Entlang der Autobahnen hat sich die Situation verbessert. Den dringendsten Handlungsbedarf sieht Keidel in den Städten: «Es gibt zu wenig öffentliche Ladestationen für leichte Nutzfahrzeuge. Zeit ist Geld: Gewerbler können sich Umwege nicht leisten, wenn sie laden müssen. Letztlich wird dann ihre Dienstleistung für den Kunden teurer.»
Wirtschaftliche Argumente für KMU mit Lieferflotten
Viele KMU betreiben eigene Lieferflotten und stehen vor der Frage, ob sich eine Umstellung auf Elektro lohnt. Keidel nennt die wichtigsten Argumente: tiefere Energiekosten, weniger lokale Emissionen, geringere Lärmbelastung und ein sauberes Image. «Transporteure müssen damit rechnen, dass ihre Auftraggeber mittelfristig Anstrengungen zur Reduktion von CO2-Emissionen verlangen.» Was Unternehmen noch zögern lässt: höhere Anschaffungskosten, Fragen zur Reichweite und ein tieferer Restwert gegenüber Dieselfahrzeugen.
Technologieoffenheit statt Vorfestlegung
Langfristig sieht Keidel batterieelektrische Fahrzeuge als dominante Technologie, insbesondere im Verteilerverkehr. Für Spezialanwendungen blieben Wasserstoff und Biogas relevant. «Entscheidend ist Technologieoffenheit statt politischer Vorfestlegung», betont Keidel. Für 2026 erwartet er bei schweren Nutzfahrzeugen einen Elektroanteil von über 25 Prozent, sofern die Rahmenbedingungen stabil bleiben.
Ausblick
Die Schweiz hat bewiesen, dass eine ambitionierte Elektrifizierung des Güterverkehrs möglich ist, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Für leichte Nutzfahrzeuge braucht es ähnlich klare Anreize, weniger Regulierungshürden bei Bourgeois-Fahrzeugen und eine bessere Ladeinfrastruktur in den Städten. Gelingt das, könnte die Schweiz ihre Führungsposition in Europa weiter ausbauen.
Häufig gestellte Fragen
Warum ist die Schweiz beim Elektro-Schwerverkehr so erfolgreich?
Die LSVA-Befreiung für emissionsfreie Lastwagen bis 2031 gibt der Transportbranche langfristige Planungssicherheit. Kombiniert mit einem breiteren Fahrzeugangebot hat das zu einem Elektroanteil von 26,8 Prozent bei schweren Nutzfahrzeugen im ersten Quartal 2026 geführt, dem höchsten Wert in Europa.
Was sind Bourgeois-Fahrzeuge und warum sind sie wichtig?
Bourgeois-Fahrzeuge sind Elektro-Lieferwagen mit einem Gesamtgewicht bis 4,25 Tonnen. Das zusätzliche Gewicht kompensiert die schwere Antriebsbatterie und ermöglicht eine vergleichbare Nutzlast wie Dieselfahrzeuge. Der Bundesrat soll 2026 Erleichterungen beschliessen.
Wann lohnt sich die Umstellung auf Elektro für KMU mit Lieferflotten?
Tiefere Energiekosten, weniger Emissionen und wachsender Druck von Auftraggebern sprechen für die Umstellung. Hürden bleiben höhere Anschaffungskosten und Fragen zur Ladeinfrastruktur. Für KMU mit festen Routen lohnt sich eine ernsthafte Prüfung bereits heute.

