HomeMärkteVier Jahre Cannabisverschreibung: Eine funktionierende Therapie darf kein Glücksfall sein

Vier Jahre Cannabisverschreibung: Eine funktionierende Therapie darf kein Glücksfall sein

Seit dem 1. August 2022 dürfen Schweizer Ärztinnen und Ärzte medizinisches Cannabis ohne Ausnahmebewilligung verschreiben. Vier Jahre später ist die Realität für viele Betroffene ernüchternd: Sie finden keine verschreibungsbereiten Ärzte oder können sich die Therapie nicht leisten. Franziska Quadri, Präsidentin von MEDCAN Schweiz, schildert, was sich verändert hat und was noch immer fehlt.

Am 1. August 2022 trat in der Schweiz eine wichtige Gesetzesänderung in Kraft: Ärztinnen und Ärzte dürfen Cannabis seither medizinisch verschreiben, ohne zuvor eine Ausnahmebewilligung des Bundesamts für Gesundheit einholen zu müssen. Für viele Betroffene war das ein Meilenstein. Doch vier Jahre später zeigt sich: Der Zugang zu einer sicheren, bezahlbaren Cannabistherapie ist für viele Menschen in der Schweiz noch immer kein Selbstverständnis.

Was sich verändert hat, was geblieben ist

Die Gesetzesänderung hat laut Quadri echte Fortschritte gebracht. «Für Menschen, die eine verschreibende Fachperson finden und die Behandlung finanzieren können, bedeutet das mehr Sicherheit», sagt sie. «Sie erhalten ihre Medikamente legal, in kontrollierter Qualität und unter ärztlicher Begleitung.»

Das grundlegende Problem ist jedoch geblieben. «Die gesetzliche Möglichkeit allein garantiert noch keine Versorgung», betont Quadri. Viele Menschen finden weiterhin keine Ärztin und keinen Arzt, der bereit ist, Cannabis zu verschreiben. «Das BAG hält selbst fest, dass Cannabisarzneimittel derzeit nur ausnahmsweise durch die Grundversicherung vergütet werden. Aus Sicht von MEDCAN wurde das Verbot zwar aufgehoben, ein funktionierendes und flächendeckendes Versorgungssystem ist jedoch bis heute nicht entstanden.»

Warum Ärzte zögern

Mehrmals wöchentlich erreichen MEDCAN Anfragen von Menschen, die trotz schwerer Erkrankungen keinen Arzt finden, der Cannabis verschreibt. «Viele Ärztinnen und Ärzte hatten während ihres Studiums und ihrer Weiterbildung kaum Berührungspunkte mit Cannabis als medizinischer Behandlungsoption», erklärt Quadri. «Entsprechend fehlen häufig Kenntnisse zu möglichen Indikationen, Wirkstoffen, Dosierung, Wechselwirkungen und der praktischen Begleitung einer Therapie.»

Hinzu kommt das gesellschaftliche Erbe jahrzehntelanger Stigmatisierung. «Cannabis wird nach wie vor stark mit dem Freizeitkonsum verbunden. Diese Stigmatisierung wirkt auch im Gesundheitswesen nach.» Quadri betont, dass MEDCAN die medizinischen Fachpersonen nicht kritisieren wolle: «Unser Ziel ist, die Rahmenbedingungen zu verbessern, mit mehr Aus- und Weiterbildung, besserer Information und einem offenen fachlichen Austausch.»

Wie Versicherungen entscheiden

Wer ein Rezept erhält, ist noch nicht am Ziel. Cannabisarzneimittel gehören in der Schweiz nicht zu den automatisch vergüteten Medikamenten. «Vereinfacht gesagt müssen eine schwere oder chronische Erkrankung vorliegen und ein relevanter therapeutischer Nutzen zu erwarten sein», erklärt Quadri. In der Praxis erlebt MEDCAN jedoch grosse Unterschiede: «Aus unserer Erfahrung werden Gesuche trotz vergleichbarer Ausgangslage oft uneinheitlich beurteilt.»

Ihr Rat: die Therapie zunächst während zwei bis drei Monaten selbst zu finanzieren und die Wirkung sorgfältig zu dokumentieren. «Diese Dokumentation kann die Grundlage für ein späteres Kostengutsprachegesuch deutlich stärken.»

Informationsmaterial von MEDCAN Schweiz zu medizinischem Cannabis

Entlastet Cannabis das Gesundheitssystem?

MEDCAN argumentiert, dass eine erfolgreiche Cannabistherapie langfristig Kosten im Gesundheitssystem einsparen kann. Konkrete Schweizer Zahlen fehlen jedoch noch. «Für die Schweiz gibt es derzeit noch keine umfassenden Daten», räumt Quadri ein. Was MEDCAN bei seinen Mitgliedern beobachtet: Viele berichten, dank einer Cannabistherapie andere Medikamente reduzieren zu können, seltener ärztliche Hilfe zu benötigen und ihren Alltag wieder selbstständiger zu bewältigen.

«Deshalb greift es aus unserer Sicht zu kurz, ausschliesslich die Kosten eines Cannabisarzneimittels zu betrachten. Entscheidend ist, ob sich Gesundheit und Lebensqualität verbessern und dadurch an anderer Stelle Kosten eingespart werden können.» Die GLP-Nationalrätin Fabienne Stämpfli hat den Bundesrat beauftragt zu prüfen, ob ein breiterer Einsatz von Cannabisarzneimitteln zu Einsparungen im Gesundheitswesen führen könnte.

Schweiz im europäischen Vergleich

Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern zeigt sich, dass die Schweiz weder Vorreiter noch Nachzügler ist. Deutschland galt lange als fortschrittlich, doch die jüngsten Entwicklungen zeigen die Fragilität solcher Systeme. «Durch die jüngsten Änderungen haben zahlreiche Betroffene ihren langjährigen Zugang zu erstatteten Cannabisblüten verloren», erklärt Quadri. «Das macht deutlich, dass selbst in einem fortschrittlichen System keine langfristige Sicherheit besteht.»

«Die Schweiz hat mit der Gesetzesänderung von 2022 grundsätzlich gute Voraussetzungen geschaffen. Damit dieses System jedoch wirklich funktioniert, braucht es Krankenversicherungen, die ihren Teil dazu beitragen.»

Was sich konkret ändern müsste

Was braucht es, damit medizinisches Cannabis in der Schweiz kein Glücksfall mehr ist? Quadri nennt mehrere konkrete Massnahmen. An erster Stelle steht eine bessere Aus- und Weiterbildung für Ärztinnen und Ärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker. Ebenso brauche es klare und schweizweit einheitliche Kriterien für die Kostenübernahme.

«Heute hängen die Chancen auf eine Vergütung noch immer stark von der Krankenkasse, der behandelnden Fachperson und der Qualität des Kostengutsprachegesuchs ab. Das führt zu einer Zweiklassenmedizin.» Schliesslich brauche es auch einen gesellschaftlichen Haltungswechsel. «Menschen, die Cannabis medizinisch anwenden, suchen keinen Rausch. Sie benötigen ein Medikament, das starke chronische Schmerzen, Spastik, Übelkeit oder andere belastende Symptome lindern kann.»

Wie Ärzte auf die Nachfrage reagieren

Die Reaktionen der Ärzteschaft sind laut MEDCAN sehr unterschiedlich. «Manche Ärztinnen und Ärzte sind offen, hören zu und informieren sich gemeinsam mit den Betroffenen. Andere lehnen das Thema bereits im Gespräch ab», sagt Quadri. Manche Betroffene sprechen das Thema gar nicht erst an, weil sie befürchten, nicht ernst genommen zu werden.

Quadri betont: «Cannabis ist kein Wundermittel und hilft nicht jedem Menschen. Wie bei jeder anderen Therapie gibt es Nebenwirkungen, Risiken und Kontraindikationen. Gerade deshalb braucht es medizinische Fachpersonen mit dem nötigen Wissen.»

MEDCAN Schweiz am Messestand mit Vereinspräsidentin Franziska Quadri

Zehn Jahre MEDCAN: Meilensteine und Hürden

MEDCAN wurde 2015 von Betroffenen gegründet, weil Menschen, die Cannabis medizinisch anwendeten, damals kaum eine Stimme hatten. Ein wichtiger Meilenstein war die Gesetzesänderung vom 1. August 2022. Parallel dazu hat MEDCAN ein schweizweites Netzwerk aufgebaut und die Zusammenarbeit mit medizinischen Fachpersonen sowie spezialisierten Apotheken gestärkt.

Die grösste Herausforderung sei der langsame Wandel in Medizin und Gesellschaft. «Gesetze lassen sich ändern, Vorurteile, fehlendes Wissen und eingefahrene Strukturen brauchen deutlich mehr Zeit.» Dass viele Menschen Hilfe bei einem Patientenverein statt im Gesundheitssystem suchen müssten, zeige, dass die Versorgung noch erhebliche Lücken aufweise.

Was Betroffene heute tun können

Welche Empfehlungen hat MEDCAN für Menschen, die in der Schweiz Zugang zu medizinischem Cannabis suchen? «Der erste Schritt sollte immer ein offenes Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt sein», rät Quadri. Falls die behandelnde Fachperson wenig Erfahrung hat oder ablehnt, bedeute das nicht automatisch, dass eine Therapie ungeeignet sei.

«Geben Sie nicht auf. Heute ist es in der Schweiz legal möglich, Cannabis medizinisch anzuwenden. Wer sich gut informiert, die Wirkung der Therapie dokumentiert und den Austausch zwischen der behandelnden Fachperson und einer spezialisierten Apotheke fördert, kann viele Hürden überwinden.»

Häufig gestellte Fragen

Kann man in der Schweiz medizinisches Cannabis legal erhalten?

Ja. Seit dem 1. August 2022 dürfen Ärztinnen und Ärzte Cannabis medizinisch ohne Ausnahmebewilligung verschreiben. Die Abgabe erfolgt über spezialisierte Apotheken in kontrollierter Qualität. Die Kostenübernahme durch die Krankenversicherung ist jedoch nicht automatisch und muss individuell beantragt werden.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für medizinisches Cannabis?

Nicht automatisch. Es muss ein individuelles Kostengutsprachegesuch eingereicht werden. Die Versicherung prüft im Einzelfall, ob eine schwere oder chronische Erkrankung vorliegt und ein relevanter therapeutischer Nutzen zu erwarten ist. Die Entscheide fallen laut MEDCAN oft uneinheitlich aus.

Was ist MEDCAN und wie kann die Organisation helfen?

MEDCAN Schweiz ist die unabhängige Patientenorganisation für medizinisches Cannabis in der Schweiz. Der Verein informiert Betroffene und medizinische Fachpersonen, vernetzt Patientinnen und Patienten mit erfahrenen Apotheken und Ärztinnen und Ärzten und setzt sich politisch für einen besseren Zugang zur Cannabistherapie ein.

RELATED ARTICLES

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here

- Advertisment -
Google search engine

Most Popular

Recent Comments