Geopolitische Krisen – von Covid-19 über den Ukraine-Krieg bis zum Iran-Konflikt 2026 – haben eines gezeigt: Unternehmen, die auf globale Rohstofflieferketten angewiesen sind, sind verletzbar. Die Kreislaufwirtschaft bietet einen Ausweg: weniger Abhängigkeit, stabilere Kosten und neue Geschäftsmodelle. Dieser Artikel erklärt, was Kreislaufwirtschaft ist, was globale Krisen uns lehren und wie Schweizer KMU jetzt konkret einsteigen können.
| → KEY TAKEAWAYS
• Kreislaufwirtschaft ist kein Öko-Trend – sie ist eine Resiliensstrategie. Wer weniger von globalen Primärrohstoffen abhängt, ist bei Lieferkettenstörungen besser geschützt. • Der Iran-Krieg 2026 hat Kunststoffrohstoffe um bis zu 50 % verteuert. Betriebe, die auf Recycling-Material setzen, waren weitgehend abgekoppelt vom Preisschock. • Nur 10 % der Schweizer Unternehmen setzen Kreislaufwirtschaft im grossen Stil um – hier liegt ein struktureller Wettbewerbsvorteil für frühe Umsteiger. • KMU machen 99 % aller Schweizer Unternehmen aus. Ihre Transformation ist zentral – aber besonders bei kleinen Unternehmen (< 50 MA) liegt die Quote erst bei 23 %. • Ab 2026 ist Kreislaufwirtschaft im Schweizer Umweltschutzgesetz verankert. Regulatorischer Druck kommt – proaktives Handeln lohnt sich. • Die EU verbietet ab 2026 das Vernichten unverkaufter Ware (Kleidung, Schuhe) und verlangt längere Produktlebenszyklen durch die Ökodesign-Verordnung. |
01 — Definition & Abgrenzung
Was ist Kreislaufwirtschaft?
Kreislaufwirtschaft – englisch Circular Economy – bezeichnet ein Wirtschaftsmodell, das darauf abzielt, Ressourcen möglichst lange, möglichst effizient und in möglichst geschlossenen Kreislaufen zu nutzen. Der Gegensatz dazu ist die Linearwirtschaft, die dem Prinzip “produzieren, konsumieren, entsorgen” folgt.
Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) definiert Kreislaufwirtschaft als System, „in dem die Menge der benötigten Ressourcen klein gehalten wird. Diejenigen Ressourcen, die genutzt werden, sollen wiederkehrend genutzt und in möglichst geschlossenen Kreisläufen verwendet werden.“
Wichtig: Kreislaufwirtschaft ist nicht gleichzusetzen mit Recycling. Recycling ist der letzte und energieintensivste Schritt. Kreislaufwirtschaft setzt früher an – bei Design, Produktion, Nutzung und Wiederverwendung. Das Ziel ist, Abfall so weit wie möglich zu vermeiden, bevor er entsteht.
| KREISLAUFWIRTSCHAFT IST RESILIENZ-STRATEGIE, NICHT NUR ÖKOLOGIE
Finanzielle Resilienz: Weniger Abhängigkeit von Primärrohstoffpreisen, die bei geopolitischen Krisen explodieren. Operative Resilienz: Weniger Lieferkettenabhängigkeiten von entfernten, politisch instabilen Regionen. Regulatorische Resilienz: Frühzeitige Umsetzung schützt vor künftigen Compliance-Pflichten. Markt-Resilienz: Steigende Kundennachfrage nach nachhaltigen Produkten und Lieferanten. |
02 — Linear vs. Zirkulär
Das Grundprinzip: Linear vs. Zirkulär
Das lineare Wirtschaftsmodell hat die Industrialisierung geprägt: Rohstoffe werden abgebaut, zu Produkten verarbeitet, verkauft und nach Gebrauch entsorgt. Dieses Modell ist effizient im Massenmassstab – aber fundamental fragil, wenn Rohstoffzugänge unterbrochen werden.

Das zirkuläre Modell denkt anders: Produkte werden so gestaltet, dass sie möglichst lange genutzt werden können. Wenn ein Produkt das Ende seiner Lebenszeit erreicht, werden seine Komponenten und Materialien so weit wie möglich in den Kreislauf zurückgeführt – entweder als Produkt (Reparatur, Wiederaufbereitung) oder als Rohstoff (Recycling).
| LINEAR vs. ZIRKULÄR: DER VERGLEICH
Linear: Rohstoff → Design → Produktion → Vertrieb → Nutzung → Entsorgung (Einbahnstrasse). Zirkulär: Rohstoff → Design → Produktion → Vertrieb → Nutzung → Reparatur / Wiederverwendung / Recycling → Zurück zu Rohstoff oder Produkt (Kreislauf). Entscheidend: Im zirkulären Modell wird Wert nicht vernichtet, sondern erhalten oder regeneriert. |
03 — Die drei Strategien
Verengen, Verlangsamen, Schliessen: Die drei Kernstrategien
Die Wissenschaft unterscheidet drei Hauptstrategien der Kreislaufwirtschaft, die aufeinander aufbauen und sich ergänzen. Jede hat ihre eigene Logik, ihre eigenen Instrumente und ihren eigenen Nutzen für KMU.
| Strategie | Prinzip | Beispiel | Wirkung |
|---|---|---|---|
| Verengen (Reduce) | Weniger Ressourcen einsetzen | Materialeffizienz-Analyse, Leichtbau, Prozessoptimierung | Direkte Kostensenkung, weniger Einkauf |
| Verlangsamen (Reuse/Repair) | Produkte länger nutzen | Reparaturservice, Remanufacturing, Rücknahmemodell | Höhere Marge, Kundenbindung |
| Schliessen (Recycle) | Kreislauf für Materialien schliessen | Closed-Loop-Recycling, Rohstoff-Rückgewinnung | Weniger Abhängigkeit von Primärrohstoffen |
| Teilen (Share) | Gemeinsame Nutzung statt Besitz | Leasing-Modelle, Plattformökonomie | Neue Erlösquellen, Marktausbau |
Für KMU ist die Reihenfolge entscheidend: Zuerst verengen (weniger verbrauchen), dann verlangsamen (länger nutzen), dann schliessen (recyceln). Das Verengen ist am einfachsten umzusetzen und zahlt sich am schnellsten durch Kostensenkung aus. Das Schliessen (Recycling) erfordert oft Infrastruktur und Partner.
04 — Lehren aus globalen Krisen
Was Covid-19, Ukraine-Krieg und Iran-Krieg uns über Rohstoffabhängigkeiten gelehrt haben
Drei globale Schocks in sechs Jahren haben dasselbe Grundmuster offengelegt: Unternehmen, die auf globale Primärrohstofflieferketten angewiesen sind, sind verletzbar – auf eine Weise, die mit klassischem Risikomanagement kaum beherrschbar ist. Die Kreislaufwirtschaft bietet strukturelle Antworten auf genau diese Vulnerabilität.
| Krise / Ereignis | Lehre für Lieferketten | Kreislaufwirtschaft als Antwort |
|---|---|---|
| Covid-19 2020–2022 | Einzelne Lieferausfälle lösten globale Engpässe aus. Chips, Masken, Pharma: Hochgradig zentralisierte Lieferketten kollabieren als erstes. | Lokale Kreislaufsysteme, Remanufacturing vor Ort, weniger Abhängigkeit von asiatischen Fertigungsstandorten. |
| Ukraine-Krieg ab 2022 | Düngermittel, Getreide, Energie: Europäische Abhängigkeit von russischen Energieträgern und ukrainischer Agrarrohstoffe offengelegt. | Energieeffizienz, regenerative Energie, Substitution durch recycelte Sekundärrohstoffe. |
| US-Zölle ab 2025 | Handelspolitische Willkür als neues Normalbild. Exportmärkte können über Nacht mit Zollmauern abgeriegelt werden. | Regional diversifizierte Wertschöpfung, lokale Rohstoffquellen, weniger Marktabhängigkeit. |
| Iran-Krieg ab Feb. 2026 | Blockade der Strasse von Hormus: 1/3 des Weltdüngemittelhandels, 1/5 der Öllieferungen gestoppt. Kunststoffrohstoffe +50%. Lieferketten der Kunststoffverarbeitung für Wochen lahmgelegt. | Recycling-Rohstoffe als Puffer. Betriebe mit Sekundärmaterial sind vom Preisschock weitgehend abgekoppelt. |
„Im aktuellen geopolitischen Umfeld, in dem Lieferketten zunehmend unberechenbar werden, wäre es wichtig, mit Ressourcen zunehmend effizienter umzugehen.“
– Prof. Tobias Stucki, Institut für Sustainable Business, Berner Fachhochschule
Das verbindende Muster aller Krisen: Zentralisierung und Spezialisierung machen Systeme effizient – aber fragil. Diversifizierung und Ressourceneffizienz machen sie robuster. Die Kreislaufwirtschaft ist strukturelle Dezentralisierung auf Unternehmensebene.
05 — Geopolitik und Ressourcenverfügbarkeit 2026
Geopolitische Ressourcenrisiken: Was 2026 konkret bedeutet
Der Iran-Krieg und seine direkten Folgen für Rohstoffe
Seit dem 28. Februar 2026 ist die Strasse von Hormus de facto gesperrt. Durch sie läuft etwa ein Fünftel des globalen Öltransports und rund ein Drittel des weltweiten Düngemittelhandels. Für die Kunststoffverarbeitung in Europa hat das unmittelbare Folgen: Methanol, Polyethylen (PE) und andere Grundchemikalien aus dem Persischen Golf sind knapper und teurer geworden. Die K-Zeitung berichtet: Rohstoffkosten für Industriebetriebe stiegen um bis zu 50 Prozent.
Betriebe, die bereits auf Sekundärmaterialien (recycelte Rohstoffe) umgestellt haben, sind von diesem Preisschock weitgehend abgekoppelt. Ihr Einkaufspreis hängt nicht am Ölpreis, sondern am regionalen Sekundärrohstoffmarkt.
Kritische Rohstoffe und strategische Abhängigkeiten
Europa ist bei zahlreichen kritischen Rohstoffen von einzelnen Ländern oder Regionen abhängig: Seltene Erden (> 90 % aus China), Kobalt (Demokratische Republik Kongo), Lithium (Südamerika), Phosphor für Dünger (Marokko, China). Jede politische Erschütterung in diesen Regionen erzeugt Preisschocks in Europa.
Die Kreislaufwirtschaft bietet einen systemischen Puffer: Wer Materialien länger nutzt, weniger verbraucht und recycelt, benötigt weniger Primärrohstoffe – und reduziert damit die Exposition gegenüber diesen geopolitischen Risiken.
Düngemittel und Lebensmittelpreise
Ein oft übersehener Transmissionskanal: Die Hormus-Sperrung betrifft nicht nur Energie, sondern auch den Erdgashandel – und Erdgas ist unverzichtbar für die Herstellung synthetischer Stickstoffdünger. Ein Drittel des weltweiten Düngemittelhandels ist betroffen. Das trifft europäische Landwirte direkt: höhere Produktionskosten, weniger Ertrag, steigende Lebensmittelpreise. Für KMU in der Lebensmittelkette ist das eine direkte Preisrisiko.
06 — Stand Schweiz
Wo steht die Schweiz? Aktuelle Zahlen und Fakten
| 27%
Schweizer Firmen mit Kreislaufwirtschaft im Geschäftsmodell |
10%
Setzen Kreislaufwirtschaft im grossen Stil um (KOF/BFH 2025) |
99%
Anteil KMU an allen Schweizer Unternehmen |
+30%
Rohstoffkosten-Anstieg für Industrie (Iran-Krieg 2026) |
1/3
Weltweiter Düngemittelhandel durch Hormus-Sperrung betroffen |
CHF 15k
Innosuisse Innocheque für KMU-Kreislaufprojekte |
Der Statusbericht der Kreislaufwirtschaft (Berner Fachhochschule und KOF, September 2025) analysierte über 2.500 Schweizer Unternehmen. Das Ergebnis: 27 Prozent haben Kreislaufwirtschaft strategisch verankert – mehr als eine Verdoppelung seit 2020. Aber nur 10 Prozent setzen sie im grossen Stil um. Und nur 15 Prozent erzielen mehr als 10 Prozent ihres Umsatzes mit zirkulären Produkten.
„Die Schweiz bleibt an der Oberfläche – noch fehlt die Tiefe. Es braucht auch Investitionen; das fehlt häufig.“
– Prof. Tobias Stucki, Co-Autor Statusbericht Schweizer Kreislaufwirtschaft 2025
Wichtig: Je kleiner das Unternehmen, desto geringer die Umsetzungsquote. Bei Firmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden haben erst 23 Prozent Kreislaufwirtschaft strategisch verankert. Gleichzeitig machen KMU 99 Prozent aller Schweizer Unternehmen aus. Das ist das grösste ungehobene Potenzial.
Seit dem 1. Januar 2025 ist Kreislaufwirtschaft mit der Teilrevision des Umweltschutzgesetzes explizit im Schweizer Recht verankert. Im Zentrum stehen Ressourcenschonung, Verlängerung von Produktlebenszyklen und Produzentenverantwortung.
07 — Chancen für KMU
Warum Kreislaufwirtschaft für KMU eine Chance ist – nicht nur eine Pflicht
Chance 1: Rohstoffkosten senken und stabilisieren
Wer Sekundärrohstoffe nutzt oder weniger Rohmaterial einsetzt, ist weniger den Schwankungen der globalen Rohstoffmärkte ausgesetzt. Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheit ist das ein messbarer wirtschaftlicher Vorteil. Die Bertelsmann-Stiftung bestätigt: Bleiben Unternehmen beim linearen Modell, drohen wachsende Abhängigkeiten und Rohstoffrisiken.
Chance 2: Neue Geschäftsmodelle und Erlösquellen
Reparaturservices, Leasing- oder Pay-per-Use-Modelle, Rücknahme- und Aufbereitungsangebote – all das eröffnet neue, oft wiederkehrende Erlösquellen. Die BAFU/SECO-Studie zeigt: Zirkuläre Geschäftsmodelle eröffnen Schweizer KMU neue Erlösquellen und können Kundenbindung deutlich stärken.
Chance 3: Regulatorische Vorwegnahme
Die EU verabschiedete die Ökodesign-Verordnung: Ab 2026 müssen Produkte langlebiger und reparierbarer sein. Das Vernichten unverkaufter Ware (Textilien, Schuhe) ist verboten. Der Trend ist klar: Regulatorik wird künftig strengere Anforderungen stellen. Wer jetzt handelt, hat einen Zeitvorsprung gegenüber Konkurrenten, die abwarten.
Chance 4: Kundenbindung durch Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit wird zunehmend zum Einkaufskriterium – sowohl bei B2B-Kunden als auch bei Endkonsumenten. Grosse Unternehmen in der Lieferkette fordern von ihren Zulieferern (also oft Schweizer KMU) immer häufiger Nachweise zu Nachhaltigkeitsstandards und CO₂-Bilanz.
Chance 5: Wettbewerbsvorteil als First Mover
Da nur 10 Prozent der Schweizer Unternehmen Kreislaufwirtschaft im grossen Stil umsetzen, besteht ein struktureller First-Mover-Vorteil für KMU, die jetzt konsequent handeln. Der Markt für zirkuläre Produkte und Dienstleistungen wächst, und frühe Akteure positionieren sich dort deutlich besser.
08 — Konkrete Einstiegspunkte
Wo KMU konkret einsteigen können: Praxisnahe Optionen
Der Einstieg in die Kreislaufwirtschaft muss kein Grossprojekt sein. Oft reicht eine erste Massnahme: die Analyse von Materialflüssen, die Einführung eines Reparaturservices oder die Optimierung der Lieferkette. Das Wichtigste ist, überhaupt anzufangen.
| Einstiegspunkt | Aufwand | Wirkung | Geeignet für |
|---|---|---|---|
| Materialfluss-Analyse | Gering (1–2 Tage) | Zeigt Optimierungspotenziale sichtbar | Alle Branchen |
| Reparatur-/Wartungsservice | Mittel | Neue Erlösquellen, längere Produktlebenszyklen | Maschinen, Elektronik, Haushaltsgeräte |
| Verpackungsoptimierung | Gering bis mittel | Materialkosten senken, Regulatorik erfüllen | Lebensmittel, Handel, Logistik |
| Rücknahme-/Recycling-Modell | Mittel bis hoch | Rohstoffsicherheit, Kundenbindung | Elektronik, Textil, Bau |
| Leasing/Pay-per-Use | Hoch | Stabile Wiederkehr-Erlöse, höherer Kundenwert | Maschinen, Geräte, IT |
| Energieeffizienz-Massnahmen | Gering bis mittel | Direkte Kostensenkung, ROI 1–3 Jahre | Produktion, Gastronomie, Büro |
| Sekundärrohstoffe nutzen | Mittel | Preisstabilität, weniger Rohstoffabhängigkeit | Verarbeitende Industrie, Bau |
09 — Praxisbeispiele Schweizer KMU
Wie Schweizer KMU Kreislaufwirtschaft erfolgreich umsetzen
Rent a Bike: Teilen statt Kaufen seit 1987
Rent a Bike ist ein Pionier unter den Schweizer KMU mit kreislauforientiertem Geschäftsmodell. Seit 1987 vermietet das KMU Velos – damit hält es Produkte im Kreislauf, anstatt jedes Jahr neue zu verkaufen. Ein entscheidender Erfolgsfaktor: Das Angebot ist bequem und einfach zugänglich. Kreislaufwirtschaft darf nicht anstrengend sein. (Quelle: BAFU/SECO-Studie, sanu durabilitas)
Sharely: Teilen-Plattform für Alltagsgegenstände
Das Schweizer KMU Sharely vermietet online Gegenstände aller Art in der ganzen Schweiz. Ivo Kuhn, Gründer: „Besonders lohnen sich Produkte, die man selten braucht und in der Anschaffung teuer sind.“ Das Modell spart Ressourcen, spart Kunden Geld und erzeugt für Sharely wiederkehrende Transaktionserlöse.
Schweizer Mühlenbetrieb: Vollverwertung von Getreide
Ein Schweizer Mühlenbetrieb verarbeitet jährlich rund 18.000 Tonnen Getreide – fast ausschliesslich aus der Schweiz. Rund 80 Prozent werden zu Mehl, die restlichen 20 Prozent zu Kleie für die Tierfütterung. Neben kurzen Transportwegen und damit tieferer CO₂-Bilanz wurde das Getreide vollständig verwertet. Ein Naturschutzgebiet ergänzt das Konzept. (Quelle: SQS/FHNW-Studie)
10 — Handlungsempfehlungen
Was KMU jetzt konkret tun können
Schritt 1: Status quo erfassen
- Materialfluss-Analyse: Woher kommen die wichtigsten Rohstoffe? Wie viel Abfall entsteht? Wo sind die grössten Materialkosten?
- Circularity Check: ETH/BFH bieten einen kostenlosen Onlinecheck an, der den zirkulären Reifegrad eines Unternehmens bewertet.
- Geopolitische Exposition: Welche Rohstoffe kommen aus politisch riskanten Regionen? Welche könnten durch einen nächsten geopolitischen Schock teuer werden?
Schritt 2: Erste Massnahmen umsetzen
- Energieeffizienz: Am einfachsten umzusetzen, direktes Kostensenkungspotenzial. ROI typischerweise 1–3 Jahre.
- Verpackungsoptimierung: Material reduzieren, recyclingfähige Materialien einsetzen – auch EU-Regulatorik erfüllen.
- Reparatur- oder Wartungsservice einführen: Wenn das Kernprodukt dazu geeignet ist, erzeugt das neue, stabile Erlöse.
- Sekundärrohstoffe prüfen: Welche Rohstoffe könnten durch recycelte Varianten substituiert werden, ohne Qualität zu verlieren?
Schritt 3: Geschäftsmodell weiterentwickeln
- Leasing-Modell evaluieren: Statt Produkt einmalig zu verkaufen, dauerhaft vermieten oder als Service anbieten. Erzeugt wiederkehrende Erlöse und hält das Produkt im eigenen Kreislauf.
- Rücknahme-Programm einführen: Kunden geben alte Produkte zurück, werden mit Rabatt belohnt, Rohstoffe werden wiedergewonnen.
- Lieferanten nach Kreislaufkriterien auswählen: Bevorzugt solche, die ebenfalls auf Kreislaufwirtschaft setzen und stabile Verfügbarkeit garantieren können.
11 — Förderung & Unterstützung
Förderung und Unterstützung für Kreislaufwirtschaft in der Schweiz
Schweizer KMU profitieren von einem dichten Unterstützungsnetz. Viele Angebote sind kostenlos oder günstig.
- Innosuisse Innocheque: Bis CHF 15.000 zur Prüfung der Machbarkeit einer Kreislaufwirtschafts-Idee mit einer Schweizer Forschungsinstitution. Unkompliziert und kostenlos.
- BAFU und SECO: Finanzieren Studien und Praxisguides zu zirkulären Geschäftsmodellen. Zugang über bafu.admin.ch.
- Circular Argovia (Kanton Aargau): Massnahmenprogramm für Aargauer KMU mit Wissenstransfer und Anschubfinanzierung.
- Circular Zürich (Stadt Zürich): Kostenloser Potenzial-Check, Workshop und Beratungsangebot für KMU. Stadtförderprogramm KlimUp für Start-ups und NPOs.
- Hightech Zentrum Aargau / regiosuisse: Experten für Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz. Zuständig für kantonale KMU.
- Klimastiftung Schweiz: Förderung von KMU-Projekten zum Klimaschutz seit 2009. Direkte finanzielle Unterstützung.
- SQS/FHNW: Dreitägiges Fachseminar zur Kreislaufwirtschaft für KMU. Praxisnah, anrechenbar auf CAS Kreislaufwirtschaft.
12 — Regulatorischer Ausblick
Was die Regulatorik bringt: Schweiz und EU
Schweiz: USG-Revision ab 2025
Mit der Teilrevision des Umweltschutzgesetzes (USG) vom 1. Januar 2025 ist Kreislaufwirtschaft erstmals explizit im Schweizer Recht verankert. Im Zentrum stehen: Ressourcenschonung, Verlängerung von Produktlebenszyklen, Produzentenverantwortung und Vorrang für Wiederverwendung vor Recycling. Für KMU bedeutet das: Der regulatorische Druck wird zunehmen – wer jetzt freiwillig handelt, muss später nicht erzwungen umrüsten.
EU: Ökodesign-Verordnung und Vernichtungsverbot
Die EU verabschiedete die Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte. Sie verpflichtet Hersteller, Produkte langlebiger, reparierbarer und energieeffizienter zu gestalten. Ab 2026 dürf keine unverkaufte Ware (zunächst Kleidung und Schuhe) mehr vernichtet werden. Für Schweizer KMU, die in die EU exportieren oder von EU-Regulatorik abhängen, gelten diese Anforderungen indirekt.
EU Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD)
Die CSDDD verpflichtet grosse Unternehmen, ihre Lieferketten auf Menschenrechts- und Umweltrisiken zu überwachen und darüber zu berichten. Das bedeutet: Grosse Einkäufer stellen immer häufiger Anforderungen an ihre Zulieferer – also an viele Schweizer KMU – was deren Nachhaltigkeitsstandards betrifft.
13 — Experteneinschätzungen
Was Forschung und Praxis sagen
„Zirkuläre Geschäftsmodelle sind weit mehr als ein ökologischer Trend. Sie eröffnen Schweizer KMU neue Erlösquellen, helfen, Ressourcen effizienter zu nutzen, und erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegenüber Ressourcenknappheit und regulatorischem Druck.“
– BAFU/SECO-Studie, sanu durabilitas
„Klimawandel, geopolitische Spannungen, zunehmende Rohstoffknappheit und fragile Lieferketten stellen Wirtschaft und Politik vor grosse Herausforderungen. Kreislaufwirtschaft ist der zentrale Hebel, um Klimaneutralität, wirtschaftliche Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit zu verbinden.“
– Bertelsmann Stiftung, Kreislaufwirtschafts-Strategien der EU, Januar 2026
„Regenerative Landwirtschaft stärkt die soziale und wirtschaftliche Resilienz gegenüber Schocks und Krisen. Als Folge wiederholter Treibstoffkrisen wollen mehr Betriebe langfristige Unabhängigkeit von globalen Agrarchemie-Industrien.“
– Euronews, Iran-Krieg trifft Europas Bauern, März 2026
Co-Autorin der Bertelsmann-Studie Birgit Wintermann (Januar 2026): „Bleibt Deutschland – und ebenso die Schweiz – auf dem bisherigen Kurs, drohen Wettbewerbsnachteile und eine wachsende Abhängigkeit von Rohstoffimporten.“ Die Studie zeigt aber auch: Es ist kein unveränderliches Schicksal. Mit klarer Zielsetzung und strategischen Leitmärkten ist Transformation möglich.
14 — Häufige Fragen (FAQ)
FAQ: Kreislaufwirtschaft für Schweizer KMU
Was ist der Unterschied zwischen Kreislaufwirtschaft und Recycling?
Recycling ist nur der letzte Schritt der Kreislaufwirtschaft – und der energieintensivste. Kreislaufwirtschaft setzt viel früher an: beim Design (langlebige Produkte), bei der Nutzung (Reparatur, Wiederverwendung) und erst am Schluss beim Recycling. Das Ziel ist, Abfall zu vermeiden, bevor er entsteht.
Was haben Corona und der Iran-Krieg mit Kreislaufwirtschaft zu tun?
Beide Krisen haben dasselbe Grundmuster offengelegt: Hochspezialisierte, globale Lieferketten kollabieren bei Schocks. Betriebe, die auf regionale, zirkuläre Ressourcenquellen setzen, sind bei solchen Ereignissen deutlich stabiler. Der Iran-Krieg hat Kunststoffrohstoffe um 50 % verteuert – Betriebe mit Recycling-Material spürten das kaum.
Wie können Schweizer KMU in die Kreislaufwirtschaft einsteigen?
Der einfachste Einstieg ist die Materialfluss-Analyse: Woher kommen welche Rohstoffe? Wie viel davon wird als Abfall entsorgt? Daraus ergibt sich oft unmittelbares Kostensenkungspotenzial. Konkrete erste Massnahmen: Energieeffizienz, Verpackungsoptimierung, Reparaturservice oder Einsatz von Sekundärrohstoffen.
Lohnt sich Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich?
Ja, auf mehreren Ebenen: niedrigere Rohstoffkosten, stabilere Preise durch weniger Primärrohstoffabhängigkeit, neue Erlösquellen (Service, Leasing), bessere Marktposition bei nachhaltigkeitsbewussten Kunden und Einkäufern – sowie weniger Compliance-Risiko bei steigender Regulatorik.
Ist Kreislaufwirtschaft in der Schweiz gesetzlich vorgeschrieben?
Seit dem 1. Januar 2025 ist Kreislaufwirtschaft im Schweizer Umweltschutzgesetz (USG) verankert. Das bedeutet noch keine konkreten Pflichten für alle KMU, setzt aber den Rahmen für künftige Regulierung. Aus der EU kommen zusätzliche Anforderungen (Ökodesign, Vernichtungsverbot, CSDDD), die indirekt auch Schweizer Exporteure betreffen.
Gibt es staatliche Unterstützung für KMU in der Kreislaufwirtschaft?
Ja. Innosuisse bietet Innocheques bis CHF 15.000. BAFU und SECO fördern Studien und Praxisguides. Kanton Aargau hat ‘Circular Argovia’, Stadt Zürich ‘Circular Zürich’ mit Potenzial-Check und Beratung. Die Klimastiftung Schweiz fördert KMU-Projekte direkt. Das Hightech Zentrum Aargau bietet Technologie- und Innovationsberatung.
Wie wirkt sich der starke Franken auf Kreislaufwirtschaft aus?
Ein starker Franken verbilligt Importe – das senkt kurzfristig den Druck auf Kreislaufwirtschaft. Aber: Geopolitische Risiken (wie der Iran-Krieg) können diesen Vorteil rasch überwälzen. Und bei der Regulatorik gilt: Der Franken schützt nicht vor EU-Anforderungen an Exporteure.
Hinweis zur Aktualität: Dieser Artikel basiert auf öffentlich verfügbaren Quellen per Ende März 2026. Quellen: BAFU/SECO-Studie (sanu durabilitas), KOF/BFH Statusbericht Schweizer Kreislaufwirtschaft 2025, Bertelsmann Stiftung (Januar 2026), Euronews, K-Zeitung, regiosuisse, Stadt Zürich, SQS/FHNW, Hightech Zentrum Aargau. Die Handlungsempfehlungen sind allgemeiner Natur und ersetzen keine Fachberatung.

